7. Oktober 2021 Basta-Circus

Die Verschiebung des Sagbaren –

Tagung am 21. und 22.04.2023 in Leipzig.

In Supervision und Coaching darf das Verpönte, Verborgene und Verunsichernde zur Sprache gebracht werden, das Verkapselte und Verwirrende wird dekonstruiert. Als Berater:innen sind wir gefragt in unserer Übersetzungsleistung, wir suchen passende Sprachbilder und Formulierungen, benennen Diffuses und erweitern dadurch im besten Fall auch den Raum des Sagbaren. Innerhalb der supervisorischen Triade loten wir regelmäßig aus, was wie wo besprechbar ist und gesagt werden sollte. Supervision und Coaching sind also per se Formate der Grenzverschiebung und gleichzeitig der Grenzbewahrung des Sagbaren.

Momentan sind wir Zeug:innen und Akteur:innen einer irritierenden Entwicklung: Im konservativen bis zum rechten politischen Spektrum kann man nicht nur eine Verteidigung der Sprache gegen lebendige Veränderungen (gegen das „gute Deutsch“) beobachten, sondern auch den Widerstand und die Verhöhnung sprachlicher Sensibilisierungen („Genderwahnsinn“). Besorgniserregend ist aber vor allem das Spiel mit rechten Codes und die Enttabuisierung des aus gutem Grund Unsagbaren („Umvolkung“, „Mischvölker“, „Schuldkult“).

Auch die zur Schau gestellte Arglosigkeit („Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“) macht sprachlos; manche ironische und satirische Zuspitzung ist weniger hilfreiche Provokation, als dass sie von Empathieverlust zeugt.

Daneben stehen linke identitätspolitische Sensibilisierungsbemühungen, die die Vielfalt gesellschaftlicher Identitäten und Gruppen sichtbar machen und zur Sprache bringen und eine angemessene Ansprache für diese suchen in Form von gendergerechter und kultursensibler Sprache. Das ist wichtig, weil sich in Sprache und Sprachbildern historische Diskriminierungen eingelagert haben.

Aber wo geht hier Sensibilisierung in eine problematische und autoritäre Hypersensibilität über, in der Political Correctness (PC) zu einem Eifer des Nachweisens und Aufstöberns von „inkorrektem“ Sprechen und Denken wird, in der eine „Cancel Culture“ (Kant als Rassist aus den Lehrplänen) selbst der Geschichtslosigkeit anheimfällt oder in der eine „Critical Whiteness“ den „alten weißen Mann“ für alle historischen Vergehen, Sünden und Unterlassungen zur Projektfläche macht? Versuche sich hier zu verständigen, enden nicht selten in entgleisenden Erregungsspiralen und sich überbietendem Bashing Andersdenkender.

Wie findet all das Eingang in Supervision und Coaching? Werden diese Phänomene im „reflexiven Reinraum“ der Beratung relativiert, gefiltert, getilgt oder eher scharf gestellt? Wie gehen wir mit problematischen Grenzverschiebungen des Sagbaren um und mit dem Eifer, diese zu ahnden?  Wo haben hier beraterische Gelassenheit und Geduld, die eigene Empörung und politische Positionierung ihren Platz? Wir laden Sie herzlich ein, mit uns gemeinsam darüber nachzudenken und darüber ins Gespräch zu kommen.